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Draussen in mir Birgit Sepanski

Ich stehe im Schnee. Mache ein Foto. In die weiße Leere hinein.
Konturen, Hier, Da. Auflösungen und überall ein undurchdring-
barer Raum.

- Karen Irmer zu ihren Fotografien -



Draussen in mir ist eine Fotografieserie, die Karen Irmer 2008 in Slowenien realisierte. In einer bergigen Schneelandschaft sind vage Silhouetten zu erkennen: Menschen, Skifahrer, schneetragende Bäume, Gondeln eines Liftes. Nebelige Helligkeit hüllt diese Dinge ein. Die Einzelheiten scheinen sich in ihr aufzulösen und zu verlieren oder entstehen in dieser stillen Leere.

Mit der Helligkeit der Fotografien und dem Verschwinden einer visuellen Fassbarkeit lässt Karen Irmer eine eindimensionale Tiefe entstehen. Der helle Bildraum ist in diesen Werken der Imaginationsraum der Fotografie und der Raum, in dem Transzendenz beginnt. Die Konturen – die Silhouetten von Menschen oder Zweige, die in das Weiß der Schneelandschaft hineinragen und ein Verlaufen von Horizont und Boden – sind Linien, Grenzspuren, die die Umgebung umzeichnen und sie gerade noch als solche einfassen. Eine Kontur ziehen, sie bezeichnen, um einen Umraum sichtbar werden zu lassen: An dieser visuellen und räumlichen Bildgrenze setzt Karen Irmer ihre Fotografie an. Das Motiv des Schnees, der immaterielle Zustand in den eine Landschaft, die Menschen in ihr und die Blicke versinken, ruft ein visuelles Entgleiten in eine andere Raumdimensionalität hervor. Die Tiefe eines Raumes wird durch seine Wahrnehmbarkeit und durch unsere Wahrnehmung bestimmt. Karen Irmer lotet auf diese Weise den Raum in den Fotografien und Rauminterventionen als einen Umraum aus, als Volumen einer Leere, in der der Blick in und auf diesen das bestimmende Medium ist.

Hier – in der Fotografieserie Draussen in mir ist es die irisierende Helligkeit der Schneelandschaft, intensiviert durch die silberne Materialität des Fotografieabzuges, die diesen Raum stiftet, den Blick und dessen Widerschein, die Blicklosigkeit visualisiert. Durch Unschärfen, dem Entgleiten oder gar Verschwinden einer Materialität, im Changieren zwischen Kontur und Leere lenkt Karen Irmer den Blick des Betrachters in die undurchdringliche Weite eines Bildraumes. Damit schärft sie primär die Aufmerksamkeit auf einen Raum hinter einem Raum, auf das Blicken selbst und auf Perspektiven – eben das per-spicere, mit dem Blick durchdringen, deutlich sehen, wahrnehmen.

Den Blick einzufassen, das Blicken selbst sichtbar machen in und mit der Unwägbarkeit der Imagination – dieser Schaffensprozess pendelt unablässig zwischen einem Draußen, einer Umwelt und einem Ich oder mir, also einem Individuum. Mitten im Schnee stehen und die Fotografien, einer in sich selbst verschwindenden Schneelandschaft zu machen ist gleichzeitig Ort und Daseins-Zustand dieses changierenden Blickes, der Karen Irmer und uns, die unmittelbar miteinbezogenen Betrachter in Bann hält.
 
Birgit Szepanski

(c)Karen Irmer