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Birgit Sonna 2008

Kontrollverlust des Sehens Birgit Sonna

Karen Irmers Bilder changieren am Rande der Einbildung
Fotoinstallation "Einwand" Künstlerhaus Marktoberdorf 2008

Es ist ein Wintermärchen – und Spuk zugleich. Wie Eisblumen haben sich surreale Gewächse einer exotisch wirkenden Vegetation an den fünf hochformatigen Fenstern im Obergeschoss des Museums festgefroren. Und so verwandelt sich auf nahezu magische Weise der mit seinen Klinkersteinen sehr festungsartig wirkende Bau des Künstlerhauses Marktoberdorf zu einem Schauraum auf ein Vexierrätsel der Natur. Erst nach einer Weile schält sich heraus, dass sich hinter Karen Irmers auf die Fensterscheiben aufgezogenen, transluzenten Fotoansichten keineswegs das Fantasy-Gebilde eines bizarr vereisten Dschungels verbirgt, sondern vielmehr ein etwas ungewöhnlicher Ausschnitt von an sich gewöhnlichem deutschen Wald. Die rhizomartige Verflechtung der Naturformen, die krause Struktur der Botanik ist in ihrer illusionären Erscheinung durch raffinierte fotogra-fische Spiegelungen respektive Doppelbelichtungen erzeugt. Karen Irmer transformiert den Ausstellungsraum in eine Wunderkammer der sich von ihrer obskuren Seite darstellenden Waldlandschaft. Keine Frage, das Schattendasein der Natur und ihrer unheimlichen Kräfte ist ein Topos der Romantik. Doch in dem gleichen Maße, wie Karen Irmer an der Konstruktion des Geheimnisvollen feilt, entschlüsselt sie das von ihr aufgestellte Mysterium auch wieder. Die Motive entstammen quasi dem Wald um die Ecke, also einer hiesigen Menschen durchaus vertrauten Umgebung.

Karen Irmer wird durch das Erwecken von trügerischer Vertrautheit der Thematik der Gruppenausstellung »von hier aus« auf ungezwungene und doch überlegte Weise gerecht. »Erst wenn man versucht, etwas Bekanntes anders anzuschauen, dann changiert es auch«, sagt sie. Zudem stehen in ihrer räumlich präzisen Installation als Antwort auf die nebulöse Durchlässigkeit der fotografisch illuminierten Fenster an der gegenüberliegenden Wand fünf Bildblöcke am Boden wie Gedenktafeln parat. Sie verdoppeln auf demonstrative Weise das Gemauertsein der Wand, indem die darauf erscheinenden Motive in Schwarz-Weiß den Verbund aus dunklen Fugen und hellerem Stein imitieren und einen zugemauerten Torbogen vorgaukeln. Tatsächlich gab es an dieser Stelle des fotografierten Gebäudes einmal den Durchgang einer Tür. Das etwas Klaustrophobische des Ziegelbaus wird durch das fotografische »Trompe l'oeil« der exakt in der Dimension der Fenster gehaltenen Tafeln zwar imaginär aufgebrochen, aber zugleich besiegelt. Irritierend neben dieser Ambivalenz ist auch, dass bei der fotografischen Simulationeiner Mauer kleine Narben, Abnutzungsspuren, Schrammen eingeblendet werden. Karen Irmer holt urbane Duftmarken in den gemeinhin cleanen Museumsraum, erinnert wenn auch in homöopathischen Dosen an potentielle menschliche Geschichten.
Im Grunde finden sich alle Kriterien, die Karen Irmers künstlerische Arbeit bislang auszeichneten, in der Installation für Marktoberdorf wie unter einem Brennglas fokussiert. Es geht ihr um »die Transformation von bereits Vorhandenem«, um das Herauskristallisieren »von atmosphärischen Möglichkeiten, die in einem Raum existieren«. So hat sie zusammen mit Dunja Bergmeir und Robert Strauch bereits 2002 und in einem zweiten Anlauf 2003 den Raum einer ehemaligen Polsterfabrik in Augsburg durch fotografische Interventionen in seiner schönen Hinfälligkeit zur Darstellung gebracht. Gelbliche Farbspuren an der Wand, poetische Risse im Putz oder auch drastischere Verfallsindizien auf der Haut der Innenarchitektur wurden durch 12 Fotografien mit identischen, aber koloristisch leicht veränderten Ansichten der Wandoberfläche gespiegelt. In diesen Vortäuschungsmanövern lässt sich – wenn auch auf hochgradig abstrakte Weise – das Doppelgängermotiv der Romantik wiederfinden. So minimal die Eingriffe in der Fabrikräumlichkeit auch sein mochten, es wurde eine gespenstische Atmosphärik des Vergehens und »Versehens« am Rande der schieren Einbildung beschworen. »Ich konnte mich noch nie für High-End-Fotografie begeistern«, erklärt Irmer. Und tatsächlich gelang es ihr

immer wieder, mit experimentellen fotografischen Methoden kleine Sensationen des Wahrnehmens, Erkennens und Wiederauslöschens herzustellen. Dabei geht sie oft wie etwa bei ihrer Installation »Mehrmals täglich Hände waschen« in der Münchner Akademie der Bildenden Künste in die gemeinhin nicht beachteten Nischen der Architektur. Ihre auf Transparentpapier ansichtigen Fotomotive deckten 2004 halbtransparent die Kacheln um ein Waschbecken im Akademieraum ab. Zwischen Waschzwang und Gebilden von Seifenhaltern, die in Irmers Version allerdings eher an Kakerlaken erinnerten, öffnete sich ein von Wiederholungen gezeichnetes
Panoptikum irrationaler Alltäglichkeit und Rituale. Für Aufsehen sorgte sie in jüngerer Zeit vor allem durch ihre silbrigen CPP-Prints, in denen sich die Formen
nur schemenhaft vom Grund abzeichnen. Als seien die Bilder mit fettem Graphitstift übermalt worden, lassen sich erst unter Veränderung des Blickwinkels all die Dinge identifizieren, die auf dem Bild enthalten sind. Oft genug handelt es sich um Unorte oder auch Unrat, den sie mit ihrer Fotografie geradezu alchemistisch veredelt. In der Verunklärung der Motive erhält die Ansicht der Hagia Sophia die gleiche Bildwertigkeit wie ein Gartenhaus mit davor abgestellten Plastikstühlen. »Es ist ein Lehrstück, wenn man beweisen will, dass Fotografie keine Imitation der Natur ist«, sagt Karen Irmer. Ihre Fotografien besitzen durch das Transzendentmachen des Gegenständlichen eine geradezu malerische Attraktivität. Sie schließt dabei mit ihrem »Silberblick« auf die Dinge des
gewöhnlichen Lebens an die Pionierzeit der Fotografie an. An eine Experimentierphase, als man sich mit den versilberten und polierten Platten der Daguerrotypien behelfen musste, um der Wirklichkeit einen reflektierenden und deshalb auch nobel zweideutigen Abdruck abzutrotzen. Doch Karen Irmers Bilder lassen einen nach einer Weile vollends in die Sphäre des Traums abtauchen. Bekanntlich herrscht da die Unberechenbarkeit des nächsten Augenblicks vor, denn jederzeit kann die vermeintliche Sicherheit der Lokalität zu einem beunruhigenden oder gar unheilvollen Szenarium umkippen.

Birgit Sonna, 2008

 

 

(c)Karen Irmer