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Thomas Elsen 2007

Was sein kann muss sein Thomas Elsen

Karen Irmers primäres künstlerisches Medium ist weitgehend dasjenige der Fotografie. Oder vielleicht ist es präziser zu sagen, im Medium der Fotografie liegt ihr bevorzugtes künstlerisches Instrument. Denn die künstlerische „Herkunft“ Karen Irmers schwingt überall in ihrer Arbeit mit. In München studierte sie u.a. in der Klasse von Sean Scully über mehrere Jahre hinweg bei einem der international wohl einflussreichsten Maler der Gegenwart, und hat aus dieser Perspektive zwangsläufig einen maßgeblichen Einfluss erfahren. Ein zuvor absolviertes Studium an der Fachhochschule für Gestaltung in Augsburg rückte wiederum Strategien des Kommunikationsdesigns in den Mittelpunkt. All dies zusammengefasst findet seinen Niederschlag in der künstlerischen Strategie Karen Irmers. Ihre Fotografien, die, jede für sich, als autonome Kunstwerke Bestand haben, und auch aus einem größeren Zusammenhang herausgehoben gesehen werden können, sind häufig zu Reihen oder Serien zusammengefasste sets, die ihrerseits malerische Gesamtbilder ergeben. Eine Strategie der Kommunikation dieser fotografischen Bilder hin zum Besucher liegt für die Künstlerin in der Inszenierung von Wahrnehmungsirritationen, die sich im direkten Dialog mit dem Raum, sowie in behutsamen aber sehr bestimmten Eingriffen in dessen jeweilige Architektur manifestieren. Insofern ist Karen Irmer keine Fotografin im klassischen Sinn. Eher schon eine konzeptuell agierende Raumkünstlerin, die ihre Fotografien im Kontext des sie umgebenden architektonischen, urbanen und sozialen Umfeldes zu neuen kontextuellen Bildern werden lässt. Es ist dem Betrachter selbst aufgegeben, sich diese Bilder zu erschließen.

Für ihre Ausstellung in der Neuen Galerie im Höhmannhaus, die erste museale Einzelausstellung der Künstlerin, konzipierte Karen Irmer eine raumbezogene Installation, die diese Vorgehensweise beispielhaft vor Augen führt. Im vorderen Raum der Galerie, der zwei Türdurchgänge zu den hinteren Räumen hin aufweist, ließ sie einen der Durchgänge maßstabsgetreu in ein miniaturhaftes Format verkleinern. Parallel dazu hängte sie zwei kleinformatige Landschaftsfotografien auf eine entsprechend niedrige Höhe, die mit den Dimensionen der Tür korrespondierte, obwohl sie im Vergleich zu den auf der gegenüberliegenden Wand gehängten Fotos gleichen Formats deutlich zu tief hingen. Die verblüffende optische Täuschung dieser Veränderung bestand darin, dass beim Betreten der Galerie und der Gesamt- bzw. Rundumsicht in den Raum nichts Verdächtiges ins Auge sprang. Erst der Versuch, durch den verkleinerten Durchgang hindurchzugehen, bzw. die Ansicht einer sich ihm nähernden, oder unmittelbar davor stehenden Person verriet den seltsamen Eingriff. Das Resultat war eine aufmerksamgesteigerte Raumwahrnehmung, ein insistierendes Untersuchen vieler Besucher, wie sich die tatsächlichen Raumverhältnisse denn nun darstellten, sowie eine intensivere Ansicht der Fotografien Karen Irmers selbst.    

 

 

Bild zu Text Was sein kann muss sein

 

In einem weiteren Raum wurden mit der Arbeit laterna magica eine Reihe kleiner laternenähnlicher Objekte auf dem Fußboden platziert. Jede dieser ‚Laternen’ war mit einem eigenen Motiv ausgestattet, das sich, durch die Wärmeausstrahlung der eingesetzten Glühbirne in eine um sich selbst kreisende Bewegung versetzte, und so Landschaften, sanft gleitende Fallschirme, magische Bildatmosphären in lautlose kleine Filmspulen verwandelte. In einer anderen, den Titel loop tragenden Fotoserie wurden mehrere tryptichen zu Bildgruppen zusammengefasst, die zunächst unterschiedliche Bildmotive aufzuweisen schienen, sich bei genauerem Hinsehen aber als ein und das selbe Motiv aus jeweils unterschiedlichen Perspektiven entpuppten. Eben jenes ,genauere Hinsehen’, die Notwendigkeit des zweiten Blicks, der erst die poetischen, atmosphärisch dichten, und doch sich anscheinend immer leise verflüchtigenden Fotografien Karen Irmers erkennen lässt, wird durch die Präsentations- und Installationsform der Gesamtheit von Objekt und Raum provoziert. Das bekannte und zugleich anscheinend unbekannte Terrain, in dem Auge und Empfinden des Betrachters sich bewegen, versetzen ihn in eine fast surreale Situation. Überraschung, Irritation, Verstörung, Erleichterung, vielleicht aber auch eine Intensivierung des Sehens und inneren Einordnens ist das, was Karen Irmers Kunst initiiert.      

Thomas Elsen, H2 Zentrum für Gegenwartskunst, 2007

(c)Karen Irmer