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Thomas Elsen 2008

‚Lost’ and found. Über Karen Irmer Thomas Elsen
Edition Schwaben 2008

Karen Irmers künstlerische Strategie beruht wesentlich auf einer äußerst präzisen Wahrnehmung, deren visueller Darstellung sowie dem zugleich darin auch liegenden Potential ihrer Verfremdung. All dies sieht sie als Modifikationen, als Fallbeispiele des Wirklichen an, die sie in Landschaften, dem urbanen Raum, Straßen- und Alltagsszenen findet, fotografisch festhält und häufig ortsbezogen inszeniert. Karen Irmer reagiert dabei weniger auf bedeutende Ereignisse oder herausragend spektakuläre Motive, als vielmehr auf das sensible, alltägliche Erfahren und Erfassen des eigenen Lebensraumes. Es ist vor allem die ausgeprägte Empfänglichkeit für jene Wahrnehmung des ‚Normalen’, die sie als eine poetische Phänomenologin des Alltags in Erscheinung treten lässt.

Die Absolventin der Fachhochschule für Gestaltung Augsburg und spätere Schülerin der Professoren Gerd Winner und Sean Scully an der Münchener Kunstakademie hat ihre bisherige Linie mit Ruhe, Beharrlichkeit, durchaus aber auch mit genau jener Portion Geschick verfolgt, die zur öffentlichen Wahrnehmung und Etablierung des eigenen Künstlerstatus’ ohne professionelle Unterstützung heute unerlässlich ist. Kontinuität und Eigenständigkeit bescherten der 34jährigen dabei bis heute eine Reihe von Auszeichnungen, Stipendien und Preisen, mit deren Hilfe sie künstlerisch ertragreiche Projekte mit zum Teil aufwändigen Auslandsaufenthalten zu
realisieren vermochte.

So ermöglichte ihr der Kunstpreis des Bezirks Schwaben 2005 die Durchführung einer mehrwöchigen Reise nach Seoul, deren künstlerische Resultate sie später im Schwäbischen Volkskundemuseum Oberschönenfeld präsentieren konnte. Das Spannungsfeld von kultureller Differenz und kultureller Homogenität, von scheinbar unüberbrückbaren Unterschieden auf der einen, und einem global-kulturübergreifenden, humanen Konsens auf der anderen Seite stand dabei im Mittelpunkt der künstlerischen Untersuchung, zu deren Fokus sich die Künstlerin selbst machte. Auf Vermittlung einer ihr bekannten Künstlerin kam es zu einem ersten Aufenthalt bei einer Künstlerin in Südkorea, die wiederum einen nächsten Aufenthalt vermittelte und so fort. Auf diese Weise entfaltete sich eine offene Form sozialer Kommunikation, die nicht nur den ‚fremden’ Menschen als Gegenüber, sondern zugleich die eigene Person als ein der ständigen Veränderung unterzogenes Wesen zum künstlerischen Studienobjekt werden ließ.

Etwas spielerischer, jedoch nicht weniger spannend, fiel Karen Irmers Auseinandersetzung mit den räumlichen Gegebenheiten der Neuen Galerie im Höhmannhaus, Augsburgs städtischer Galerie für zeitgenössische Kunst aus, auf deren Einladung hin sie 2006 eine Soloschau in der Maximilianstraße realisierte. Zentraler Bestandteil war hier u.a. die subtile Veränderung der Raumproportionen, die in maßstäblicher Verkleinerung Türdimensionen, die Anbringung von Steckdosen und Lichtschaltern oder die Hängehöhen ihrer Wandarbeiten minimierte und damit eine verblüffende optische Täuschung selbst von Personen herbeiführte, die mit den dortigen Gegebenheiten seit langem und bestens vertraut waren. 

Als Kunstförderpreisträgerin der Stadt Augsburg des Jahres 2002 war erst in diesem Frühjahr ein repräsentativer Querschnitt ihrer Arbeiten der vergangenen fünf Jahre in einer kompakt-präzise inszenierten Schau in den Kabinetträumen des H2 – Zentrum für Gegenwartskunst im Augsburger Glaspalast zu sehen.

Karen Irmers starke Affinität zur Synthese aus Fotografie und deren ortsbezogener Installation zeigt sich auch in ihrem jüngsten Projekt. Im Sommer dieses Jahres konnte sie für die diesjährige Landesgartenschau in Neu-Ulm ein temporäres Raumkunstwerk realisieren, das innerhalbeines bauhistorisch integrierten Teils des Gartenschaugeländes einen kontemplativen Ort der Stille erzeugte. Unter dem Projekttitel ‚Kunst in der Camponniere’ besetzten fünf junge Künstler das Areal dieser denkmalgeschützten einstigen Ulmer Bundesfestung, einer 1859 erbauten, und bis zu den Planungsarbeiten der Gartenschau vonWildwuchs nahezu überwucherten Anlage, die erst im Zuge der Vorbereitungen der Schau wieder freigelegt wurde. Mit ihrer Arbeit richtete Karen Irmer hier ihr Augenmerk auf die Veränderung der Wahrnehmungsmechanismen ein und desselben Ortes und auf dasChangieren emotional-atmosphärischer Qualitäten von Licht und Dunkel, Innen und Außen, architektonischem Raum und Landschaftsraum. 14 Schießscharten und Oberlichter wurden von ihr leuchtkastenartig mit transparenten Großfotos versehen. Von außen fielen nur dunkel verschlossene Fenster ins Auge, beim Betreten des Rauminneren entstand hingegen das Bild einer fast surreal anmutenden Landschaft, deren Strukturen sich auf den s/w-Fotografien Irmers von offener Weite bis hin zum Bild eines phantastisch-vegetativen Urwaldes verdichteten.

 

Ihr Lehrer Sean Scully hat Karen Irmers Inszenierung ‚lost’ im Jahr2004 in der Galerie der Künstlervereinigung Dachau als eine Präsentationbezeichnet, „die die Stärke und das Risiko für zukünftige Arbeiten steigert“.Diese künstlerische Stärke hat sich inzwischen eindrucksvoll stabilisiert. Mehr Bereitschaft zum künstlerischen Risiko wird sie noch eindrucksvoller entwickeln.  
      
Thomas Elsen, Leiter H2 Zentrum für Gegenwartskunst, 2008

(c)Karen Irmer