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nicht zu sehen Thomas Wulffen, 2010

Das Werk von Karen Irmer ist eine Reflektion über Wahrnehmung. Sie mögen mir darauf antworten, dass jedes gute Kunstwerk eben dies auch leistet. Aber hier, vor diesen Arbeiten, passiert etwas anderes: die Reflektion über Wahrnehmung wird buchstäblich. Das zeigt sich schon an der Unterscheidung zwischen Reflexion alias Überlegung und Reflektion alias Widerspiegelung, zwischen x und kt. Karen Irmer macht uns ein x für ein kt vor, ließe sich hier behaupten und wir sind wieder auf der Ebene der Buchstäblichkeit.

Ein Bild entsteht durch die Reflektion mit kt von Lichtstrahlen auf einer Oberfläche. Das Erkennen ist dabei immer doppelt: wir sehen das Bild und wir sehen dessen Reflektion. Die dunklen, bis zur Unkenntlichkeit aufgelösten Objekte in den Arbeiten von Karen Irmer nehmen wir wahr. Aber es gibt einen Punkt dabei, wo das Gesehene mit dem Sehenwollen in Eintracht gebracht werden will. Erst im Versuch, beides in Übereinstimmung zu bringen, gelingt es uns, ein Bild zu erfassen. So ist die Reflektion auch immer eine Projektion. Jedes Sehen aber ist auch eine Projektion dessen, was wir schon gesehen haben. Gerade im Moment der Wahrnehmung, wo das spezifische Objekt noch nicht entschlüsselt ist, begegnen sich Projektion und Reflektion.

Wir merken das nicht, weil wir umgeben sind von Foto-Bildern, die keine weitere Entschlüsselung mehr brauchen. Vor den Bildern - und ich benutze bewusst Bild statt Foto - von Karen Irmer aber beginnen wir zu zweifeln. Sehen wir das, was wir sehen? Tatsächlich scheint mir das die eigentliche Frage hinter diesen Arbeiten zu sein. Und das lässt sich als Reflexion der Wahrnehmung - diesmal mit x - verstehen. Und wir können das sogar noch ausdehnen: Nehmen wir wahr, was wir wahrnehmen? Damit verknüpft sich auch wieder das Problem der Wirklichkeit und Wahrheit. Muss Wahrheit Wirklichkeit sein? In dieser Frage steckt ein Momentum, dass die Arbeiten von Karen Irmer mit dem Reich der Literatur verknüpft. Denn einige Motive wirken wie die Madeleines, das berühmte Teegebäck von Marcel Proust in seinem Roman Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, das ihn sich erinnern lässt an die verlorene Zeit.

Das liegt auch sicherlich auch an dem Formeninventar, das hier in diesen Arbeiten erscheint. In spezifischer Art und Weise referieren sie für mich auch auf die Frühzeit der Fotografie, wie sie deutlich wird in den Arbeiten von Henry Fox Talbot oder Daguerre. Und ich sehe ein weiteres Momentum in diesen Arbeiten, die uns spezifisch die Kunst der Fotografie nahe bringt. Denn hier ist es nicht ein kleiner digitaler Pinsel eines Computerprogramms, sondern die konkrete Bewegung vor dem Negativ. Die Unterscheidung zwischen digital und analog gerät immer mehr in den Hintergrund. An den Arbeiten von Karen Irmer lässt sich diese Unterscheidung und deren Bedeutung noch nachvollziehen. Hier ist die Realität sowohl künstlich als auch natürlich. Der digitale Körper aber ist nur künstlich. Und angesichts der Körperwelten in einigen Bildern von Karen Irmer fühlt man sich erinnert an Edgar Allen Poes Sturz in den Malstrom. So eignet diesen Bildern auch eine literarische Qualität an, weil sie entziffert werden wollen. Und einige dieser Bilder kommen einem wie wiedergefundene Palimpseste vor. Gleichzeitig aber kann man sie auch als Konstruktionen der Wahrheit verstehen, so der Titel einer Gruppenausstellung, an der die Künstlerin teilgenommen hat.

In diesem Sinne ist die Unterscheidung zwischen Reflexion der Wahrnehmung mit x und der Reflektion der Wahrnehmung bedeutsam. Nehmen wir es buchstäblich: in den Fotoarbeiten von Karen Irmer wird unsere Wahrnehmung in Frage gestellt: wie sehen wir mit welchen Mitteln welche Bilder! Karen Irmer gibt mit Ihren Bildern eine Antwort darauf, die gleichzeitig äußerst reduziert erscheint und doch einen Kosmos erahnen lässt.

Thomas Wulffen, 2010

(c)Karen Irmer