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Seelenlandschaften

Düster, ruhig und schwer wie Öl fließt die Neris durch Kaunas. Es ist so, als ob der Fluss bereits seine ganze Vitalität auf seinem Weg durch die weißrussischen Landschaften und litauischen Städte verloren hat, bevor er hier in die Memel mündet. Weiße Schaumkronen bilden sich bei hochsommerlichen Temperaturen auf der Oberfläche und treiben langsam mit der Bewegung des Wassers voran. Das Video „once again, once again“ von Karen Irmer, das sie im Sommer 2015 am Ufer der Neris aufgenommen hat, ist alles andere als ein romantisch überhöhtes Porträt einer historisch bedeutsamen Wasserstraße. Weder der Titel, noch die Umgebung geben Informationen zu Topografie der Aufnahme. „once again, once again“ könnte überall auf der Welt gefilmt worden sein. Und wenn man nicht weiß, dass es sich bei den weißen Flecken um Schaumkronen handelt, erinnern sie vielleicht auch ein klein wenig an Eisschollen, die müde auf dem Fluss dahintreiben. 

Die flüchtige Erscheinung in der suggestive Videoarbeit „once again, once again“ ist durch eine Laune der Natur entstanden. Denn eigentlich suchte die Künstlerin jene diffuse Stimmung mit Morgennebel über dem Fluss, die typisch für ihre Fotografien und Videofilme ist. Doch trotz vieler Anläufe mochte sich in diesem heißen Sommer kein Nebel an den Ufern der Neris bilden. Stattdessen fesselten die Spiegelungen auf der dunklen, fast schwarzen Wasseroberfläche die Aufmerksamkeit der Künstlerin. Sie wählte einen bestimmten Kamerastandpunkt aus, bei dem sich die Bilder des dahinfließenden Flusses und die Spiegelungen der Umgebung auf der Wasseroberfläche gleichsam überlagern. In dem Video „once again, once again“ sind es die Umrisse der Brückenpfeiler, die sich wie ein grauer Schleier über das Bild legen. 

Eine vollkommen andere Wirkung erzielt Irmer mit dem Video „The Fisherman“ der zweiten filmischen Arbeit, die sie während ihres Aufenthalts in Kaunas am Ufer der Neris drehte. Die düstere Stimmung ist einer frühlingshaften Farbigkeit gewichen. Warmes Sonnenlicht spiegelt sich zusammen mit der begrünten Uferböschung auf der Wasseroberfläche und verwandelt das Video in ein bewegtes impressionistisches Gemälde. Das fast abstrakte Bildgefüge wird durchbrochen durch die schemenhafte Figur eines Anglers am unteren Bildrand, der seine Rute auswirft und dann am Ufer geduldig auf seinen Fang wartet. 

Für Irmer spielt die geografische Lage keine entscheidende Rolle. Es ist eine besondere Bildstimmung, die sie sucht –  nicht die kühle Distanz des Dokumentarfilms, nicht das Geschwätzige des Erzählkinos, sondern eine stille Poesie. „Seelenlandschaften“ hat sie Karen Irmer selbst genannt. Mit offenen Augen reist sie durch die Welt, lässt sich inspirieren von Orten und besonderen Wetterlagen, immer auf der Suche nach jener speziellen Bildstimmung.

Weiß man nichts von der Entstehungsgeschichte der Videos, erscheinen sie zunächst wie bewegte Landschaftsfotografien. Es sind Aufnahmen von Gewässern, die langsam vor den Augen des Betrachters vorbeiziehen, der Blick aus dem Fenster auf die sich verändernde Natur oder eine Waldlichtung im Nebel, durch den sich langsam die Sonnenstrahlen kämpfen. Man fühlt sich unwillkürlich an die Bilder der Romantik von Caspar David Friedrich und Philipp Otto Runge erinnert, die der oftmals überwältigenden oder unheimlichen Natur den Menschen als Rückenfigur entgegen setzten. Klein und ehrfurchtsvoll steht er vor der Landschaft und begreift, dass es etwas Größeres als den Menschen in der Schöpfungsgeschichte gibt. Irmers Videos sind dagegen zumeist menschenleer. Bei ihr nimmt der Betrachter vor dem Bild die Funktion der romantischen Rückenfigur ein. 

In der jüngeren Kunstgeschichte ist es das Werk von David Claerbout, das Karen Irmer inspiriert haben könnte. Seit den 1990er-Jahren verbindet der belgische Künstler die Kategorien von Fotografie und Film. So integriert er mittels digitaler Bildbearbeitung kaum merkliche Bewegungen in ein statisches Bild oder verlangsamt Filmaufnahmen so, dass sie auf den ersten Blick wie Standbilder erscheinen. Die Grenzen zwischen den beiden künstlerischen Gattungen werden so gleichsam aufgelöst. Eine ähnliche Strategie verfolgt auch Irmer in ihrem künstlerischen Werk. Sie verzichtet jedoch bewusst auf eine weitgehende digitale Nachbearbeitung und setzt den Fokus auf die Wahl des Motivs und des Ausschnitts. Statt vorhandenes Bildmaterial im Studio zum Leben zu erwecken, ist sie vielmehr daran interessiert, das visuelle Ereignis vor der Kamera einzufangen. 

Große Aufmerksamkeit widmet sie der Präsentation ihrer künstlerischen Werke. Bei Ausstellungen projiziert sie die Videos so perfekt mit dem Beamer auf speziell behandelte Bildtafeln, dass man sie auf den ersten Blick mit ihren Landschaftsfotografien verwechseln könnte, die ein anderer wichtiger Teil im Oeuvre der Künstlerin sind. Es sind Farbfotografien, in denen jedoch das Spektrum der Grauwerte von mattem Weiß bis hin zu tiefem Schwarz dominieren. Mit dieser reduzierten Palette gelingt es Irmer die besondere Stimmung der landschaftlichen Situation zu fokussieren. Immer wieder versperren Äste, Felsen oder tiefhängenden Wolken den Blick. Das bildnerische Ereignis spielt sich auf der Fläche ab. Fotografie und Video stehen bei Irmer in einem engen Zusammenhang und beeinflussen sich gegenseitig. Die Rezeption von beiden Medien erfordert allerdings etwas Zeit und die Bereitschaft des Betrachters, sich auf die minimalen Veränderungen einzulassen. 

Irmer hat die Reduktion der bildnerischen Mittel in den letzten Jahren so konsequent vorangetrieben, dass ihre Landschaftsfotografien auch als abstrakte Bilder lesbar sind. Die Abwendung vom naturalistischen Bildmotiv zugunsten einer freien Bildkonzeption wird noch verstärkt, indem sie die Fotografien auf den Kopf stellt oder auf metallisch glänzenden Fotopapier abzieht und matt kaschiert. Eine ähnliche Strategie verfolgt sie auch in ihren Videofilmen. Für „Fisherman“, dem zweiten Video, das von sommerlichen Neris in Kaunas entstanden ist, hat sie das Bild des mit Schaumkronen bedeckten Flusses umgedreht, sodass es an ein Sternenmeer am Firmament erinnert.

Trotz aller bildnerischer Raffinesse ist Irmer nicht sonderlich an der Videotechnik interessiert. Sie verfolgt die Möglichkeiten des Mediums nur soweit, wie sie der künstlerischen Bildfindung dienen. Ihr Hauptinteresse gilt den bildimmanenten Fragestellungen. Möglichweise hängt diese Fokussierung mit ihrem künstlerischen Werdegang zusammen. Irmer hat niemals Medienkunst studiert, sondern die Klasse von Sean Scully, einem Maler an der Kunstakademie in München besucht. Als Fotografin war sie in dem Klassenverband eine Außenseiterin, aber das hat ihr Raum für die Entwicklung einer eigenen künstlerischen Position gegeben. „Ein Bild muss funktionieren, in sich schlüssig sein“, meint Irmer, „egal welches künstlerische Medium ich dafür verwende.“ 

Cornelia Gockel, Sammlung Götz, München 2016



 

(c)Karen Irmer